14.Mai 2013: Vortrag u. Diskussion mit Adelheid Wölfl

 

die Übersetzung ins Albanische wurde von Frau Shadete Limani-Beqa von der Universität Pristina sowie von Frau Berta Hamza von der österrreichischen  Botschaft gemacht.

Im Herbst 2009 fand erstmals in Pristina die Woche der deutschen Sprache statt. Das Ziel dieser Woche ist allen, von Anfängern bis zu Muttersprachlern, die Möglichkeit zu bieten, sich mit der deutschen Sprache zu beschäftigen sowie auch die Anstrengung derer zu würdigen, die diese Sprache lernen oder den Geschmack bei denjenigen zu wecken, die sie noch nicht kennen und vielleicht später lernen wollen. 

Aus diesem Grund werden die Vorträge in Deutsch gehalten so wie auch der Vortrag von Adelheid Wölfl. 

Dieser Veranstaltung folgte um 15h30 die Vorstellung der Österreich-Bibliothek in der Universität Pristina "Hasan Prishtina"  Nena Tereze, mit Kaffee und Kuchen, wo die spannende Diskussion weiter fortgesetzt wurde. 

 

Rede von Frau Adelheid Wölfl:

 

Ich beschäftige mich intensiv seit 2004 mit dem Balkan, nachdem ich als Journalistin beim Standard für die Region zuständig geworden bin. Seitdem fahre ich regelmäßig in die Länder Südosteuropas. Seit einem Jahr lebe ich in Zagreb als Korrespondentin. Die wichtigste Regel für mich als Journalistin ist, dass man zu jenen Orten, über die man schreibt, hinfahren und mit den Leuten reden sollte. Man sollte möglichst offen sein, keine vorgefertigten Geschichte im Kopf haben, sondern alles aufnehmen, auch wenn es dem widerspricht, was man erwartet hat.

 

Es ist wichtig sich bewusst zu sein, dass man in der Position einer Journalistin anders wahrgenommen und behandelt wird, als etwa in der Rolle einer Zufallsbekanntschaft. Die Leute sehen Journalisten unter anderem als Sprachrohr für ihre Anliegen und Interessen, manchmal als Alliierte und manchmal als Feinde. Oft ist es Misstrauen und manchmal ist es Ängstlichkeit, der man begegnet. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man Vertrauen schafft. Man muss sich im Klaren sein, dass die Informationen, die man als Journalistin bekommt, manchmal durch einen Filter gegangen ist, weil die Menschen gewisse Dinge aussparen oder hinzufügen. Es geht in der Aufnahme dieser Informationen also darum, dass man bereits vorher gut mit der Situation und den Fakten vertraut ist, um selbst das Erzählte filtern zu können.

 

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hilft, wenn ich mich ganz offen mit meinem Namen und dem Medium vorstelle, auch eventuell meine Visitenkarte zeige. Manche Leute haben Angst zu reden, weil sie fürchten mit ihrem Namen zitiert zu werden. Wenn ich mit Bürgern spreche, frage ich sie  deshalb immer, ob ich sie zitieren darf oder nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Angst offen zitiert zu werden, in Südosteuropa von Norden nach Süden zunimmt. In Slowenien habe ich in der jüngsten Zeit mit vielen Leuten auf der Straße geredet und die lassen sich immer gerne zitieren, manche sind sogar stolz darauf. Sie sehen Medien etwa als Sprachrohr für ihren Protest gegen die Politik.

 

 

In Kroatien ist das schon anders. Da gibt es solche, die das wollen und manche, die davor Angst haben, „in der Zeitung zu stehen“. Diese Ängste haben meiner Erfahrung nach, etwas mit den ökonomischen und sozialen Verhältnissen zu tun, etwa der Angst einen Job zu verlieren, wenn man kritisch ist oder der Angst von seinem sozialen Umfeld kritisiert zu werden. Freie Meinungsäußerung und ökonomische Unabhängigkeit haben also meiner Erfahrung nach eine starke Korrelation in Südosteuropa.

 

 

Ganz wichtig ist die Unterscheidung zwischen mediengeschulten und nicht mediengeschulten Personen. Ich kann zum Beispiel nicht erwarten, dass jemand der keine Erfahrung mit Medien hat, weiß, welche Auswirkungen es haben könnte, wenn ein Zitat von ihm in der Zeitung erscheint. Dieses Wissen kann ich von Politikern verlangen, aber nicht von Dorfbewohnern in Südosteuropa, wo es erst seit kurzer Zeit Meinungsfreiheit und Demokratie gibt. Bei diesen Leuten geht es auch darum zu antizipieren, welches Wissen sie über Medien haben oder nicht und sie eventuell zu schützen. Bei Politikern muss ich wiederum wissen, dass die mir Dinge sagen, um eventuell die Berichterstattung zu beeinflussen. Da geht es darum, dass man genau das kritisch hinterfragt, um kein filterloses Sprachrohr zu sein, sondern eine kritische, reflektierte Perspektive einzunehmen. Es geht dann darum nachzufragen, einzuordnen und Gegenfragen zu stellen, um auch dem Anspruch von Aufklärung gerecht werden zu können.

 

 

Bei Menschen, die nicht mediengeschult sind, geht es um Respekt, also darum, dass man sie nicht „vorführt“, sie nicht lächerlich macht. Ich zitiere keine Leute, die über andere in irgendeiner Form diskriminierende Aussagen machen, weil das erstens die anderen die das lesen, verletzten kann. Zweitens aber, muss ich zu jedem Vorwurf, der gegen andere erhoben wird, eine Stellungnahme von jenen einholen, die angegriffen werden. Die haben das Recht auf eine Gegendarstellung. Wenn es aber um Diskriminierungen geht oder Hasssprache, dann sollte man das ohnehin nicht wiedergeben, sondern höchstens beschreiben, falls es relevant ist.

 

 

Was mir auch entscheidend für die Arbeit in Südosteuropa erscheint, ist dass die Art, wie man als Journalistin wahrgenommen wird, etwas mit dem historischen und politischen Umfeld zu tun, indem man sich bewegt. In Kroatien wurde ich etwa als Spionin verdächtigt. Ein Historiker hat mir später erklärt, dass in dem Plattenbau wo ich wohne, vor allem Angehörige der Armee gewohnt haben und noch immer wohnen. Es könnte also sein, dass die Art, wie ich beurteilt werde mit den historischen Erfahrungen (z. B: Spitzeltum) vor Ort etwas zu tun hat. Solche Erfahrungen muss man einordnen und Distanz nehmen. Eine andere Erfahrung von mir ist, dass man in einem patriarchalisch geprägten Umfeld zuweilen bereits „verdächtig“ wirkt, wenn man keinen Mann oder keine Familie hat.

 

 

Die zweite wichtige Regel für die Arbeit in dieser Region ist für mich, nach den Gesprächen mit den Menschen, wieder Distanz einzunehmen. Das ist oft nicht so einfach, vor allem, wenn man es mit sehr emotionalen Begegnungen zu tun hat. Das war etwa so, als ich eine Reportage über den Friedensmarsch anlässlich des jährlichen Gedenkens an den Genozid in Srebrenica gemacht habe. Wenn man allerdings keine Distanz nimmt, läuft man Gefahr, nicht gut erzählen zu können.  

 

Es geht nicht darum, prinzipiell etwas in Zweifel zu ziehen, was die Menschen einem Journalisten erzählen. Zweifel ist angebracht, wenn es Hinweise gibt, dass etwas überhaupt nicht stimmt. Aber mit Distanz meine ich, dass es darum geht, den Leser im Auge zu behalten. Das ist ein wenig so wie bei Schauspielern. Eine Theateraufführung ist ja nicht deshalb gut, weil man als Schauspieler selbst Gefühle durchlebt oder etwas versteht, sondern nur, wenn man dies vermitteln kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Dinge viel weniger gut als Journalistin vermitteln kann, wenn ich nicht genügend Distanz nehme. Es geht darum, einen Blick von außen zu nehmen, nicht mehr „Expertin“ zu sein, sondern in die Position des Erzählers zu gehen und so zu tun, als wüsste man genauso viel oder wenig wie die Leser. Prinzipiell wissen die Leser auch in Österreich sehr wenig über Südosteuropa, wobei ich sagen muss, dass ich den Eindruck habe, dass in Österreich mehr darüber berichtet wird, als in Deutschland.

 

 

Ob etwas für Redaktionen relevant erscheint oder nicht, hat in Südosteuropa sehr stark damit zu tun, ob internationale Akteure involviert sind. Es war etwa in den vergangenen Jahren leicht Geschichten über den Kosovo zu schreiben, nicht weil jetzt der Kosovo an sich wichtiger ist als Mazedonien oder Montenegro oder Albanien, aber weil er eben durch die internationale Aufmerksamkeit sehr präsent ist. Da ist es viel schwieriger Geschichten über Mazedonien oder Bosnien-Herzegowina anzubieten. Die fehlende mediale Aufmerksamkeit in diesen Ländern ist aber natürlich auch ein Faktum, das politisch Einfluss hat. 

 

In Ex-Jugoslawien bewegt man sich in Nachkriegsgesellschaften mit vielen traumatisierten Menschen. Gerade Geschichten über den Krieg führen oft zu Disputen. Manchmal hört man den Vorwurf, einseitig Bericht zu erstatten. Das ist meiner Ansicht nach ein Spiegelbild dessen, was in den Gesellschaften selbst vorgeht: Wechselseitige Beschuldigungen, verschiedene historische Interpretationen. Zusätzlich gibt es in Wien eine große Community von Leuten aus Ex-Jugoslawien, manche von ihnen nutzen den Standard für ihre politischen Auseinandersetzungen und setzen am Ende der Geschichten Postings in dem Forum. Zuweilen ist der Tenor dieser Postings aggressiv. 

 

Diese Dispute sind angesichts der Geschichte der Region erklärbar. Für mich als Journalistin ist es aber wichtig Distanz dazu zu nehmen und mir die eigene Position vor Augen zu führen. Die Position des Standard ist die einer liberalen Zeitung. Der Standard ist unabhängig von politischen Parteien, Institutionen und Interessengruppen. Der Standard tritt für die Wahrung und Förderung der parlamentarischen Demokratie ein, für rechtsstaatliche Ziele bei Ablehnung von politischem Extremismus und Totalitarismus und für Toleranz gegenüber allen ethnischen und religiösen Gemeinschaften.  

 

Prinzipiell sehe ich die Arbeit als Journalistin als „work in progress“, bei der ich immer weiter dazulerne. Wichtig ist mir, die eigene Sichtweise immer wieder infrage zu stellen, mit Leuten zu reden, die anders denken und andere Aspekte einbringen, sich auch Kritik und Zweifeln zu stellen. Es ist klar, dass ich eine andere Perspektive habe, als jene Menschen, die in der Region leben. Ich bin in Mitteleuropa aufgewachsen und gehöre der „Generation 1989“ an. Ich war jung, als die kommunistischen Regime in Osteuropa zusammengebrochen sind, die Mauer fiel und Europa begann zusammenzuwachsen. Ich komme also aus einer Generation, in der es sehr stark um die Vereinigung Europas ging. Und ich sehe auch Südosteuropa aus diesem Blickwinkel, als einen Teil Europas, dem 2003 das Versprechen gegeben wurde, integriert und damit stabilisiert zu werden. Deshalb richtet sich meine Berichterstattung auch sehr stark nach den Schritten im EU-Integrationsprozess in der Region.

 

Abgesehen von der schwierigen ökonomischen Situation in der Region, den noch jungen, instabilen Demokratien, den hohen ökonomischen und sozialen Abhängigkeiten und „autoritären Codes“, die man in den Gesellschaften in Südosteuropa finden kann, ist es sehr bereichernd hier als Journalistin zu arbeiten. Es gibt wohl kaum eine Region in Europa, wo man auf so viel Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft stößt. Und es gibt wohl kein Land, in dem man in den vergangenen Jahren so nahe an der Politik „dran“ sein konnte, die das Leben der Menschen fundamental verändert, wie im Kosovo. 

 

 

 

 

 

 

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